"PSYCHIATRISCHE DIAGNOSE" - Kunstaktion der Initiative Zwangbefreit

Königslutter. Gestern, am 21. März 2018 fand in der Psychiatrie Akademie, welche sich derzeit wegen Baumaßnahmen im Pfleger*innen-Wohnheim befindet, eine Kunst(*andere Bezeichnung offen)Aktion statt.

Während von 9 bis 16 Uhr ein Seminar über „unterschiedliche Krankheitsbilder in der Psychiatrie“ stattfand, wurde eine künstlerische* Arbeit ausgelegt (ein gestaltetes Kissen – Beschreibung weiter unten in kursiv). Diese thematisiert psychiatrische Diagnosen. Daneben ein paar Flugblätter der Initiative Zwangbefreit (siehe hier bei Material -ganz oben- LINK). Gleichzeitig wurden auf den Toiletten und in einer Dusche Informationen zur Zwangspsychiatrie ausgehängt. Diese Informationen bearbeiteten das Thema Diagnose-Kritik im Zusammenspiel mit Zwangsmaßnahmen. Ziel dieser Aushänge war es nicht die künstlerische* Arbeit zu erklären, sondern eine ergänzende Information zu geben. Die ausgehängten A4-Zettel thematisier(t)en schwerpunktmäßig Zwangsmaßnahmen, bei denen grundsätzlich/Gesetzes wegen eine psychiatrische Diagnose vorausgeht. Der Informationstext (hier unter der Rubrik Material zu finden LINK) ist angelehnt an den Ankündigungstext des Seminars (hier zu finden LINK) und demnach mit etwas Ironie versehen.

 

Nicht alle Menschen nehmen psychiatrische Diagnosen an. Viele lehnen die Bezeichnung „psychisch krank“* für sich ab. Die Initiative Zwangbefreit ist solidarisch mit (=auf der Seite von) den Menschen, die ihre Diagnose(n) ablehnen, mit denen, die ihre Diagnose(n) annehmen und sich selbst als psychisch krank* bezeichnen und mit allen anderen selbst betreffenden Umgangsformen (z.B. dazwischen zu wechseln, eine ganz individuelle Bezeichnung zu verwenden). Die Initiative Zwangbefreit setzt sich für Selbstbestimmung ein. Deshalb soll es Platz für alle eigenen Umgänge mit psychiatrischen Diagnosen geben. Eine kompromisslose Einbeziehung von Menschen mit psychischen Krankheiten* und Menschen mit psychiatrischen Diagnosen und individuellen Umgangsformen ist unseres Erachtens in der Psychiatriekritik und Anti-Psychiatrie unerlässlich. Denn viele sind aufgrund ihrer Diagnose(n) von Stigmatisierung und Gewalt betroffen.

 

Deshalb unsere Kunstaktion - um einen kritischen Beitrag zum gestrigen Seminar „Psychiatrie für Neu-Einsteiger“ und den darin besprochenen Diagnosen zu leisten.

 

Wie es so oft bei Kunst* ist, dürfen und sollen eigene Interpretationen Platz finden. Vielleicht hat ja die ein oder andere Person Lust in die Kommentare zu schreiben, was sie darin sieht oder/und was eine psychiatrische Diagnose für sie bedeutet. Wir sind gespannt und würden uns darüber freuen.

...

Beschreibung der Arbeit:

 

Ein Kissen, dessen Bezug denen der im AWO Psychiatriezentrum verwendeten sehr ähnlich sieht (zum Zeitraum 2012 zumindest - pastellgelbes feines Karomuster) bildet die Grundlage.

 

Vorderseite

Auf dem Kissenbezug ist Schulterbereich und Kopf eines Menschen in leicht abstrahierter Form unter Verwendung bunter Farben (Acryl) gemalt. Über den Bereich, wo sich der Mund befindet, ist in eher waagerechter Diagonale ein rot-weißes Absperrband angebracht, welches darunter und an der linken Seite (ausgehend von der*dem Betrachter*in) berührend sich ein zweites Mal um das Kissen und somit um die darauf abgebildete Person über Hals und Schulterbereich schlingt und an der rechten unteren Ecke nach hinten verläuft. Das Kissen wirkt dort, wo das Absperrband entlang die Seiten berührt zusammengeschnürt. Es bildet schätzungsweise einen 25Grad-Winkel zueinander. Auf diesem ist ein schwarzer, formell gehaltener Schriftzug -ähnlich wie bei Polizeiabsperrband- aufgetragen. Dort, wo sich der Mund der Person befindet, steht „PSYCHIATRISCHE“ (auf der ersten Runde des Bandes) und darunter auf der zweiten Runde, die Hals und Schulter der betroffenen Person umgibt „DIAGNOSE“.

 

Rückseite

Auf der Rückseite des Kissens ist das Absperrband mit einer Schleife zusammengebunden. In die Enden wurden jeweils ein negativ-Dreieck hineingeschnitten, wie es bei Geschenkschleifen manchmal gemacht wird.

 

Innenseite

Eine geheime Botschaft an die Psychiatrie-Akademie/ das AWO Psychiatriezentrum befindet sich hier. Zwischen Bezug und Kissen wurde ein Ausschnitt eines alten Zeitungsartikels gelegt. Darauf steht: „Staus sind nicht abzuschaffen“. (als kleiner Hinweis an das APZ/ die Psychiatrie Akademie, die in Vergangenheit versuchten Protest (Staus) durch Repressionsorgane kleinzuhalten/abzuschaffen.)

 

Hier der ausgehängte Text:

 

!!! Bitte lesen !!!

 

Information - Psychiatrie für „Neu-Einsteiger“

 

Menschen, die andere Menschen diagnostizierend oder beleidigend gemeint als „psychisch krank“ bezeichnen begegnen uns täglich. Dieses Seminar soll Mitarbeiter*innen aus allen Bereichen des Krankenhauses über folgende Themen aufklären:

 

-Die verschiedenen Fachbereiche des AWO Psychiatriezentrums

-Unterschiedliche Krankheitsbilder in der Psychiatrie inklusive der Überzeugung, dass Menschen in einigen Fällen nicht selbst entscheiden könnten, was gut für sie ist; zum Beispiel ob sie eine Diagnose annehmen oder nicht.

 

Was ist, wenn eine Person die psychiatrische Diagnose ablehnt?

Hier soll erlernt werden, diese Person als krankheitsuneinsichtig einzuordnen und ihr gegebenenfalls den eigenen („freien“) Willen abzusprechen. Denn um psychiatrisch handeln und Zwangsmaßnahmen praktizieren zu können, muss sich auch das AWO Psychiatriezentrum an Gesetzen orientieren. Diese sind das „BtG“ (Betreuungsgesetz) und das „NPsychKG“ (Niedersächsiches Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke). Nach diesen Gesetzen dürfen Zwangs- und Druckmaßnahmen, wie Medikamentengabe gegen den („freien“ und „natürlichen“) Willen, Fesseln an z.B. Betten, Einperren auf geschlossene Stationen und Isolationszimmern, (erniedrigende) Untersuchungen und vieles mehr aufgrund einer psychiatrischen Diagnose und/oder einer bestehenden oder anzeichnenden („)seelischen Be_hinderung*(“) durchgeführt werden. Auch wenn (bekanntermaßen) …

 

- bereits Menschen an Zwangsmaßnahmen wie z.B. Fixierungen1, Medikamentengabe2, von psychiatrischen Akteur*innen eingeforderten Polizeieinsätzen3, … gestorben sind

- psychiatrische Zwangs- und Druckmaßnahmen von Betroffenen oftmals als traumatisierend erlebt werden

- es in der Vergangenheit und Gegenwart Protest von Betroffenen-, Angehörigen-, und Aktionsgruppen gab

- es durchaus Alternativen oder alternative Ansätze zum Zwang in der Psychiatrie/ zur Zwangspsychiatrie gibt: z.B. Weglaufhaus in Berlin, Soteria-Konzept in den 1990ern in der Klinik Gütersloh, Klinikum Heidenheim–das von 2012 bis … (?) zumindest auf Zwangsmedikation verzichtete, …

- …

 

hält das Krankenhaus an Druck und Zwang fest.

 

Denn es ist dem AWO Psychiatriezentrum ein Anliegen, dass der Stationsalltag, trotz des wenig vertretenen Personals, stressfreier und geordneter von statten geht.

 

Die Teilnehmer*innen dieses Seminars sollen gestärkt aus diesem herausgehen: Das heißt, das hier weitergegebene Wissen steht dann alsbald offen, um im (Arbeits-)Alltag selbstsicher Verwendung finden zu können.

Freuen Sie sich auf eine Betrachtung dieser Welt, in der Schubladen -Vertrauen lebend- mehr zählen als das Individuum.

 

 

1https://initiative-zwangbefreit.jimdo.com/2017/06/04/stellungnahme-zu-dem-tod-von-achmet-a-der-in-bremen-ost-durch-eine-zwangsma%C3%9Fnahme-gestorben-ist/

2http://www.neuepresse.de/Hannover/Meine-Stadt/Tod-in-Psychiatrie-im-Klinikum-Wahrendorff-Ermittlung

3http://www.badische-zeitung.de/emmendingen/schuesse-auf-psychisch-kranken-polizei-rueckt-von-notwehr-begriff-ab--136819891.html   

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