„Du kannst nicht raus, es ist total schlimm, (…) die fanden genau das gut!“ Eine kritische Analyse zur Psychiatrie-Reportage von Funk (ARD/ZDF)!

Im Mai 2017 startete die 5-teilige Reportage „Die Frage“ unter dem Slogan: „Muss ich Angst vor der Psychiatrie haben?“. Produziert wird diese wöchentliche Reportage, bei der sich der Journalist Michael Bartlewski an verschiedene Orte begibt und Antworten sucht, von Funk (ein Gemeinschaftsangebot von ARD/ZDF).

 

Schon im ersten Teil der Reportage, lässt Bartlewski in einem Interview durch das kleine Wörtchen „noch“ erkennen, wohin uns diese Ausgabe von „Die Frage“ führen soll. Im Interview mit einer Psychiatrie-Erfahrenen äußert diese, dass sie vor dem ersten Gang in die Psychiatrie Angst hatte: „Ich hab mir irgendwie so vorgestellt, dass man eben eingesperrt wird und dann wird da abgeschlossen und eigentlich ein bisschen eher wie ein Gefängnis.“ Bartlewski schlussfolgert darauf: „Ja, dass sind alles diese Bilder und Klischees, die wahrscheinlich jeder hat und ich auch noch!“

 

Genau, „NOCH“, denn der Journalist ist auf dem Weg die schon beschlossene Antwort auf die Frage zu liefern, die seine Reportage im Titel stellt und das wird er mit einer gekonnten Beschönigung der Psychiatrie tun.

 

Dabei lässt er kritische Orte nicht aus und meidet auch keine unbequemen Themen wie Medikamentengabe und Fixierungen. Nein, er macht es anders, er geht, wie selbst beschrieben: „(…) dahin, wo's auch mal unangenehm wird“, und beschönigt auch bei kritischen Fragen wo er kann. So besuchte er nach zwei Tagen in einer offenen Psychiatrie (mit alle 2 Stunden Nachtkontrolle und eine halbe Stunde Ausgang/Freizeit), auch eine geschlossene Station. Sein erstes Fazit nachdem er durch die geschlossenen Türen dieser Station schreitet: „Der erste Eindruck ist: Es ist anders als ich es mir vorgestellt habe. Es ist tatsächlich freundlicher. Ich gaube aber, dass ich es noch nicht so richtig check was hier eigentlich alles passiert.“ Und wer jetzt die Hoffnung hat, dass Michael noch checkt „was hier eigentlich alles passiert“, der*die muss entäuscht werden. Bartlewski verschafft sich zwar einen kleinen Eindruck, aber er konzentriert sich darauf die von vielen Seiten scharf verurteilten menschenrechtswidrigen Zustände im Psychiatriesystem klein zu halten. Doch da er als „kritischer“ Journalist auftritt, muss er auch kritische Stimmen zeigen. Diese kommen in seinem ganzen Film jedoch eher selten und viel zu kurz vor und werden bald darauf mit einem großen ABER und geschickt gesetzten Szenen gekontert.

 

So interviewt Bartlewski einen Betroffenen in der geschlossenen Abteilung, der kritisch gegenüber der Psychiatrie ist. Dieser bezeichnet den Aufenthaltsraum als „Käfig“ und erwähnt Einsperrung und Fixierung. Was dann aber von dem Interview hauptsächlich gesendet wird, sind eben nicht etwa seine Erfahrungen und Kritik, sondern seine Aussagen zu „Teufels-Erscheinungen“.

 

Bartlewski selbst schaut schließlich in der Szene nach dem Interview betroffen in die Kamera und sagt: „Ähhh, der hat mich total überfordert. Da wusste ich echt gar nicht mehr was ich darauf sagen soll, weil ich wollte ihm in dem Moment nicht sagen: Moment mal das ist doch totaler Quatsch!“

 

Direkt danach folgt dann ein Interview mit dem Assistenzarzt Dr. Simon Senner. Dieser wird bezugnehmend auf den kritisch eingestellten Insassen folgender Satz vorgelegt: „Vorhin habe ich mit einem Patienten gesprochen der meint, dass er im Endeffekt gegen seinen Willen hier ist.“ Senner: „Es ist so, dass Patienten oft sehr ambivalent sind, dass heißt, in manchen Situationen merken sie ich brauche Behandlung, ich brauche Hilfe. Denken dann aber wieder in anderen Situationen: - Den ganzen Scheiß hier brauche ich nicht. Ich will wieder nach Hause.-

 

Wir wissen bei den Patienten, dass es sozusagen einfach einer guten Behandlung bedarf und dann geht’s ihm auch wieder gut und dann kann er auch wieder raus und selbstverständlich zurück.“ So einfach ist das also? Menschen die Einsperrung und Fixierung erleben müssen, diese unmenschlichen Maßnahmen kritisieren und diese nicht aufs neue erleben wollen, sind einfach nur „ambivalent“, also in sich widersprüchlich. Dabei weiß Dr. Senner doch viel besser was für einzelne Menschen das „Beste“ ist. Die Bedürfnisse und Ängste der Betroffenen zählen dann nur noch wenig bis nichts mehr. Zusätzlich vertuscht Senner mit seiner Aussage, „(...) dann kann er auch wieder raus und selbstverständlich zurück.“, dass nicht alle, die einmal im Psychiatriesystem steckten, dort so einfach wirklich wieder raus kommen, denn nach einem Aufenthalt geht es für einige Menschen über in die Netze von gesetzlicher Betreuung, oder in Wohnheime, …

 

Darüber hinaus besuchen (müssen) viele nach einem Aufenthalt in einer Psychiatrie, weiterhin Psychiater*innen, da sie in den meisten Fällen nur durch diese an die Medikamente, die sie zuvor in der Psychiatrie einnahmen, kommen können. Bei solchen Besuchen kann auch immer die Gefahr neuer Bewertungen durch Psychiater*innen geschehen und das kann eine erneute Einweisung nach sich ziehen.

 

Im weiteren Verlauf der Doku werden nur noch Betroffene interviewt, die ihre Situation in der Psychiatrie als hilfreich empfinden. Michael Bartlewski blüht wegen dieser positiven Resonanz und den blumigen Erklärungen von Psychiater*innen wie Dr. Senner - der auch später noch erklären durfte, dass Fixierungen immer nur das letzte Mittel wären - förmlich auf und verliebt sich fast in das Psychiatriesystem: „Ich ärger mich jetzt echt ein bisschen über mich selbst, so was meine Erwartungen waren am Anfang. Ich als Außenstehender sehe immer nur so: Oh Gott, wie kann man das machen, wie kann man Leute einsperren, aber für die Patienten steht dieses Geschlossene gar nicht im Vordergrund, sondern die sagen oft so, dass ist irgendwie ein Schutzraum für die.“

 

Endlich kommt „Die Frage“ der Antwort näher! Bartlewski weiß bereits da, nach ein paar Interviews mit Betroffenen und Assistenzärzt*innen wie alle Betroffenen das sehen! Einsperrungen, Fixierungen und Zwangsmedikation als Schutzraumkonzept für alle?! Wer wäre da sonst drauf gekommen?

 

Doch neben all diesem Ausklammern der Schattenseiten des Psychiatriesystems, widmet sich Michael Bartlewski trotzdem noch diesen Schatten und hebt auch den Finger gegen die Gesellschaft. Er übt Kritik daran wie mit psychisch erkrankten Menschen in unserer Gesellschaft umgegangen wird. Auch bei seinem „Fragen und Antworten“- Teil, lässt er zwei kritische Nachrichten, die ihm zugeschickt wurden, in die Öffentlichkeit. Der Schein des differenzierten Journalisten soll schließlich gewahrt bleiben. Eine dieser Nachrichten kritisiert die zu häufige Medikamentengabe in der Psychiatrie und die andere straft Dr. Senners Aussage Lügen und beschreibt, dass Fixierungen eben nicht wie behauptet immer nur als letztes Mittel, sondern häufig angewendet werden. Michael zeigt professionelles Verständnis für diese Kritiken. Er selbst findet: „Klar finden es die Leute nicht toll Medikamente zu nehmen, aber es ist manchmal wahrscheinlich ein notwendiges Übel.“ Aber er fordert bei diesem Thema auch ein „partnerschaftliches Verhältnis“ in dem „Kompromisse“ geschlossen werden müssten und Offenheit bezüglich der Nebenwirkungen vorherrschen solle. Fixierungen bezeichnet er als „unmenschlich“ und „traumatisch“. Es wäre für ihn eine „ethisch hoch problematische Frage“ zu der er sich aber keine abschließende Meinung bilden kann. Klingt erstmal nach einem guten Diskussionsansatz über Zwang in der Psychiatrie, aber direkt nachdem er seine Meinung zur Kritik äußerte, fiel ihm vermutlich die Antwort ein, auf die er doch schon im ersten Teil seiner Reportage hinwies. So schloss er unmittelbar nach den Worten über Fixierungen mit den Worten ab:

 

ABER, was ich so am bemerkenswertesten fand in der Psychiatrie war, dass ich ja immer dieses Geschlossene gesehen habe. Du kannst nicht raus, es ist total schlimm, du musst dich an eine feste Struktur halten, aber viele mit denen ich in der Psychiatrie gesprochen habe, die fanden genau das gut! Das war für die nichts Geschlossenes sondern was Geschütztes.“

 

Und nun die Antwort auf die Frage: „Muss ich Angst vor der Psychiatrie haben?“ Die Antwort lautet: Nein! Die Psychiatrie ist ein schlimmer Ort, wo du nicht einfach so raus kannst, du bist geschützt und dein Fixierbett und die verriegelten Türen, dass ist genau das, was du so gut findest! Sagst du etwas anderes, dann erhältst du nicht viel Platz bei der Wochenreportage „Die Frage“, oder du bist schlicht und einfach „ambivalent“. Erzählt das mal den von Zwangsmaßnahmen traumatisierten Menschen!

 

Lieber Michael Bartlewski, liebes Funkteam, wenn ihr schon eine mehrteilige Reportage über das heutige Psychiatriesystem macht, dann sendet doch bitte alle Aspekte und spült die negativen Seiten nicht einfach weg mit der „Ja, aber...-Masche“. Es ist ja nicht so, dass es keine Kritiker*innen und Gegner*innen der Zustände in den psychiatrischen Kliniken gibt. Es sind unzählige von Betroffenen geschilderte Fälle von Willkür, Zwang und Gewalt öffentlich. Das „Deutsche Institut für Menschenrechte“ berichtete vor kurzem dem UN-Menschenrechtsrat, dass Zwangsmaßnahmen weiterhin gängige Praxis in Deutschland sind und eine Änderung dieser Praxis nicht absehbar ist. Eine Praxis die nicht nur vom UN-Sonderberichtserstatter (Anti-Folter-Konvention) Juan E. Mendéz als Folter eingestuft wird. Natürlich gibt es auch die Seite die ihr zeigt, nämlich Menschen, die Hilfe in der Psychiatrie gefunden haben, aber euer Film-Bericht ist nichts weiter als eine bloße, pauschalisierende Beschönigung.

 

 

Quelle:

 

Sämtliche Zitate könnt ihr in der Reportage nachhören. Die Links zu den Teilen 1 bis 5, sowie das „Fragen und Antworten“-Extra stehen euch hier zur Verfügung:

 

Reportage: „Muss ich Angst vor der Psychiatrie haben?“

 

 

Teil 1:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=K_YQVeGuMIM

 

 

 

Teil 2:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=yYwGVyXikrE

 

 

 

Teil 3:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=yU_HMvBO6uY

 

 

 

Teil 4:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=g8WACQMkAmU

 

 

 

Teil 5:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=64xYu2U74kE

 

 

 

Fragen und Antworten:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=8Go9YVs_duw

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Maja (Donnerstag, 18 Januar 2018 16:00)

    Finde ich noch nåhere Informationen zu der Gruppe ,die sich stark gegen Psychiatrie (zu recht)ausspricht?

  • #2

    Initiative Zwangbefreit (IZB) (Dienstag, 23 Januar 2018)

    Bei "über uns" steht ein wenig, sonst schreib uns mit deinen Fragen gerne an. Siehe Kontaktformular...