Psychiater Manfred Lütz am Pranger der Political Correctness [1]

Manfred Lütz, Psychiater, Chefarzt am Alexianer Krankenhaus in Köln [2], Schriftsteller, katholischer Theologe und Kabarettist tritt am 23. August 2017 im Rahmen des 25 jährigen Bestehens der Psychiatrie Akademie (aus Königslutter) [3] in Braunschweig als Festakt auf (Die Veranstaltung beginnt um 19:20 Uhr

– um 18:45 ist Einlass- und wird im
Medienhaus der Braunschweiger Zeitung
Hintern Brüdern 23,
38100 Braunschweig
stattfinden. Hier die Einladung: http://www.awo-psychiatriezentrum.de/fileadmin/media/downloads/Einladung_Vortrag_Luetz.pdf). Wenn der Titel seines Erfolgsbuches „IRRE! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ zunächst ein bisschen Hoffnung macht wird diese jedoch beim Betrachten seiner Aussagen bereits im Keim erstickt. Als Fürsprecher der „psychisch Kranken“ sieht er sich und ist der Meinung mit seinem „humorvollem“ 185 Seiten langen Buch, würde er einer Stigmatisierung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen entgegenwirken. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Lütz schreibt selbst über sein Buch er würde damit eine „Gebrauchsanweisung“ für Menschen mit „psychischen Krankheiten“ bieten.
Darin und auch in seinen Vorträgen wie hier (Link: https://www.youtube.com/watch?v=OpIkI3G1y8k) untergliedert er die Gesellschaft in „normal“ und „krank“. Zwar macht Lütz dabei sichtbar, dass psychiatrische Diagnosen gesellschaftliche Konstrukte sind, hinterfragt dies jedoch kein Stück. Er meint, einem Menschen sei geholfen, wenn man ihn wieder „normal“ machen würde (natürlich in der Psychiatrie), da „psychisch Kranke“ ja schließlich unter ihrer „Außergewöhnlichkeit“ litten.

...

Desweiteren behauptet er, dass Menschen, die „psychisch krank“ seien irgendwie die besseren Menschen seien, da sie zu keinen Grausamkeiten (wie z.B. Hitler und Stalin) fähig seien. Personen mit psychiatrischen Diagnosen soll das Durchhaltevermögen dafür fehlen. Diese Unterteilung („psychisch krank“ = „irgendwie gut“ und „normal“ = schlecht) zieht sich durch sein ganzes von unterschwelligem Sexismus geprägtes Geschwafel und stellt „psychisch Kranke“ somit pauschalisierend als friedlich und harmlos dar. Aussagen wie „Wäre Hitler psychisch krank gewesen, hätte er den Krieg nicht führen können.“ sollen seine Thesen untermauern. Gleichzeitig aberkennt er Menschen mit psychiatrischen Diagnosen die eigene Entscheidungsfähigkeit und verharmlost bis leugnet die desaströsen Zustände in der heutigen Psychiatrie und ihre Funktion in der Gesellschaft (hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=K8-VAKOrDa4). Denn im Gegensatz zu Hitler, Stalin oder Armin Meiwes soll größenwahnsinnig sein, wer sich auf eine Kreuzung in Wanne-Eickel stelle und „ganz sicher“ behaupte „der Größte zu sein“.
Eine passende Lösung dagegen benennt Manfred Lütz natürlich auch sofort: „Nach vergleichsweise kurzer Behandlung in der örtlichen Psychiatrie ist dieses Problem bald gelöst und der Mann kann wieder seinem Job im Stadtarchiv nachgehen“.
Die Vergleiche zwischen Hitler und Stalin mit anderen Menschen sind mehr als unangebracht. In so einem legeren Ton ohne genauere Hintergründe zu betrachten über die Grausamkeiten dieser Tyrannen zu urteilen ist kein Kabarett. Das ist unfundiert und geschmacklos.

Wenn es aber darum geht, dass sein Lieblingsheiliger eine „psychische Erkrankung“ nämlich „Schizophrenie“ gehabt haben soll (in einem seiner „humorvollen“ Texte schildert er, wie er mit dieser Behauptung durch einen* Vorgesetzten* konfrontiert wird), dann ist seine Reaktion darauf: „Franz von Assisi schizophren? Ich war geschockt. Ich hatte ihn immer sehr geschätzt!“
Wie soll mensch das denn verstehen? Einerseits seien die „psychisch Kranken“ also „irgendwie besser“, andererseits sei das Werk eines Menschen nicht schätzenswert, sobald dieser Mensch eine psychiatrische Diagnose aufgedrückt bekommt? Lütz stellt dann schnell klar, dass Franz von Assisi nicht „schizophren“ war, weil er kommunikative Kompetenz besessen hätte und in seiner Gesellschaft gut klargekommen sei.
Auch soll der Künstler Salvador Dali deshalb nicht „psychisch krank“ gewesen sein, weil er „fantastisch normal“ gewesen sei (Hitler wird von Lütz hingegen als „schrecklich normal“ bezeichnet) – „Psychisch Kranke“ würden nicht wegen ihrer „psychischen Krankheit“ Kunst schaffen sondern trotzdem.

Lütz geht es also um Produktivität und um Normierung der angeblich „psychisch Kranken“, (natürlich nicht ohne sich dieser als Humormittel zu bedienen). Das wird auch in der Psychiatrie deutlich, in der er Chefarzt ist: Die dort angebotene „Arbeitstherapie“ soll Menschen Zugehörigkeit, Selbstbewusstsein, wertschätzende Beschäftigung, Tages- und Wochenstruktur bieten, etc. wird aber gleichzeitig für kommerzielle Zwecke genutzt (Zitat: „In allen Arbeitsbereichen werden wirtschaftlich verwertbare Produkte oder Dienstleistungen hergestellt bzw. erbracht.“ - Quelle hier: http://www.alexianer-koeln.de/unsere_angebote/hilfen_fuer_menschen_mit_psychischen_behinderungen/tagesbetreuung/). In einer Kabarettsendung von Jürgen Becker im WDR (am 22.03.2013 ausgestrahlt; Link: https://www.youtube.com/watch?v=OpIkI3G1y8k) betont er die Wirksamkeit und den guten Zweck dieser Arbeitseinrichtungen. Auf Klinikbewertungen.de ist allerdings folgender Kommentar dazu zu entdecken:
„Ich habe in der Behindertenwerkstatt gearbeitet,und dort meine Massnahme gemacht.Rauer umgangston unfreundliche .AnLeiter,grundlose Beleidigungen bis hin zu Unterstellung.Mobbing pur,Sklaverei und Mobbing mit Reha hat das gar nichts mit zu tun.Der Kündigungsschutz wird auch nicht eingehalten was ich von anderen gehört habe in der Bahn.Industriele Sklaverei Billige Arbeitskraft fuer 50€ Ort des grauens und des schreckens“.
(Link: https://www.klinikbewertungen.de/klinik-forum/erfahrung-mit-alexianer-krankenhaus-koeln)

Obwohl mehrere Menschen, die in diesem Klinikum, das Manfred Lütz am nächsten ist, schlechte Erfahrungen gemacht haben, hält er in seinen öffentlichen Äußerungen stets das Bild der wohlwollenden, helfenden Psychiatrie aufrecht. In diesem Sinne bekennt er sich auch zu Zwangsmaßnahmen wie Zwangseinweisung und Zwangs“behandlung“ [4].

 

Die Zusammenarbeit des AWO Psychiatriezetrums/ der Psychiatrieakademie mit Manfred Lütz stellt eine symbiotische Nutzgemeinschaft dar:
Das APZ profitiert von Lütz verharmlosender Darstellung der derzeitigen Zustände in der Psychiatrie und kann sich in seiner Wohlanständigkeit bestärkt fühlen, während Manfred Lütz wieder eine Bühne für seine kruden Ansichten geboten wird. Herzlichen Glückwunsch zu dieser realitätsfremden Menschenrechtsbashing-Kombi!


Menschen mit psychiatrischen Diagnosen brauchen keine Gebrauchsanweisung! - Vor allem nicht solche, die von Psychiater*innen geschrieben sind (die oftmals nicht die Ausmaße einer Stigmatisierungserfahrung begreifen, da sie Mentalismus (= Diskriminierung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen) oft nicht am eigenen Beispiel erlebt haben) und auch sonst nicht!
Es gibt nicht „die Normalen“ genauso wenig wie es „die psychisch Kranken“, „die Schizophrenen“, „die Depressiven“, „die Alkoholabhängigen“ gibt!
Genauso wenig sind alle „verrückten“ Menschen die besseren Menschen!
Eine Pauschalisierung, beinhaltet sie wohlgemeinten oder offen feindschaftlichen Mentalismus ist unzulässig: Alle Menschen sind verschieden!
Keine Menschen als Betroffene selbst dürfen entscheiden, was gut für sie ist!

Ein paar Worte an Manfred Lütz: Hören Sie auf mit Ihren Pauschalisierungen! Erkennen Sie die Individualität und Autonomie einer jeden Person an und lassen Sie nicht weiter Menschen mit psychiatrischen Diagnosen ausschnitthaft in Ihren Geschichten als Objekte aufkommen! Betroffene und Angehörige sind Subjekte und müssen als solche anerkannt werden. Sie nur als unwichtige Nebendarsteller*innen in Ihren ach so „humorvollen“ Geschichten auftreten zu lassen, greift zu kurz und wird keiner Person gerecht. Erfahrungen mit der Psychiatrie sind für viele Menschen sehr schmerzhaft. Wissen sie das nicht oder haben sie das „vergessen“?
Zitat einer betroffenen Person: „Als ich, als selbst Betroffene*r ihre Sachen angesehen/angehört/gelesen habe, war die Wut nicht weit von dem Gefühl kriechender Entmündigung. Sie als prominente Person unterstützen Menschen bei diskriminierenden Verhaltensmustern und lassen so Vieles, so Wichtiges völlig unbenannt. Sie prägen das Bild der Psychiatrie und von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen und Behinderungen* durch ihre Medienpräsenz in nicht unerheblichem Maße. Zeigen Sie Haltung und setzen Sie sich in Zukunft für eine zwangfreie Psychiatrie ein!“
Bis Sie das tun, sind und bleiben wir als Betroffene, Angehörige, Interessierte und/oder Initiative Zwangbefreit unbequem!

Wenn Sie sogar als Psychiater Diagnosen als unwahr titulieren, gehen Sie einen Schritt weiter und arbeiten Sie an einer Gesellschaft, die solche Schubladen auch nicht als angebliches „Hilfsmittel“ benutzt!

Bitte kontaktieren Sie uns, sobald sie Zwangsmaßnahmen ablehnen und ihre restlichen Ideen überdenken!

(Es gibt noch eine ganze Menge anderes Zeug zu kritisieren was Manfred Lütz erzählt. Aber weil lange Texte bei der Initiative Zwangbefreit unüblich sind ;-) endet dieser Text hier. Wer sich weiter aufregen möchte, kann ja die erwähnten Quellen beschauen.

Alle Zitate Manfred Lützs in diesem Artikel stammen aus seinem Buch "IRRE! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen.")

Fußnoten

[1] Political Correctness (PC) = Politische Korrektheit = Bemühung zu Handeln und zu Sprechen ohne Diskriminierungen anzuwenden.
In Manfred Lütz Buch: „IRRE! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen.“ schreibt er selbst von einem „Pranger der Political Correctness“ und vergleicht diesen Pranger mit einem Pranger im Mittelalter. Der Pranger der PC würde ewig währen im Gegensatz zum Pranger im Mittelalter, dem Menschen nur wenige Stunden ausgesetzt gewesen seien. Dabei verharmlost Lütz diese mittelalterliche Foltermethode.

[2] Ein großer Psychiatriekomplex mit Zwangspsychiatrie, Wohnheimen, Werkstätten für Menschen mit psychiatrischen Diagnosen und Behinderungen*, die für wirtschaftliche Zwecke genutzt werden.

[3] Die Psychiatrie Akademie gehört zum AWO Psychiatriezentrum Königslutter und befindet sich auf dem selben Gelände. Hier werden künftige Pfleger*innen ausgebildet, die häufig nach abgeschlossener Berufsausbildung im psychiatrischen Bereich, z.B. im APZ selbst, arbeiten. Aber auch Therapeut*innen und andere Berufsgruppen, die mit Psychiatrie zu tun haben können hier „Fortbildungen“ besuchen.

[4] Kurze Erklärung zum Begriff „Zwangsbehandlung“ oder Zwangs“behandlung“: Das Wort wird in der psychiatrischen Sprache meistens synonym zur Zwangsmedikation (also der Verabreichung von Medikamenten -oder auch psychiatrischen Drogen- unter Zwang) benutzt. Es kann aber auch Operationen und andere körperliche Eingriffe gegen den Willen bedeuten. In jedem Fall beinhaltet eine Zwangs“behandlung“ eine Körperverletzung. In diesem Artikel setzen wir das Wort „Behandlung“ in Anführungszeichen weil es beschönigend klingt.

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Kommentare: 3
  • #1

    Julia (Sonntag, 13 August 2017 09:40)

    Ihr sprecht mir aus der Seele! Danke!

  • #2

    Susanne Meyer (Mittwoch, 16 August 2017 23:12)

    Hier ist eine Rezension von Peter Lehmann zu dem Buch von Manfred Lütz http://www.antipsychiatrieverlag.de/fapi/nachrichten-l.htm

    Und hier sind auf Seite 22 und 23 zwei Beiträge zu dem Buch von Manfred Lütz http://www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de/wersindwir/lautsprecher/Lautsprecher_27.pdf

  • #3

    Initiative Zwangbefreit (Freitag, 18 August 2017 20:24)

    Danke für die Links (gute Artikel!) an Susanne und danke für die Rückmeldung an Julia!
    :-)