Missachtung der Psychiatrie-Enquête: Klinikum Wahrendorff baut aus!

Mit 48 Millionen Euro bezuschusst das Land Niedersachsen den Neubau in Köthenwald, der insgesamt 65 Millionen Euro kosten soll. Geplant ist das Krankenhaus in Ilten dafür zu schließen und einen Großkomplex zu bauen. Dieser soll dann „eine Psychiatrie und eine Psychosomatik mit elf Stationen und einer Tagesklinik beherbergen[...]“ schreibt Dr. Silke Lesemann (SPD-Landtagsabgeordnete) in einer Pressemitteilung des Niedersächsischen Landtages vom 28. Oktober 2016.

Weiterhin heißt es dort: „ Eine Krisenintervention in Würde soll laut Brase das Credo des Klinikums sein“. Außerdem bezeichnet Dr. Rainer Brase die Bezuschussung des Krankenhausneubaus als „eine tolle Nachricht für alle Zukünftigen Patienten, für die Bürger der Region Hannover und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“.

Aber ist sie das wirklich?

Beachtet man die Ziele und Maßstäbe der Psychiatrie-Enquête (siehe unten) aus den 70er Jahren macht das Klinikum Wahrendorff sogar aus psychiatrischer Sicht her gesehen damit einen Rückschritt. Statt auf Dezentralisierung Wert zu legen, ballt sich nun in Zukunft ein noch größerer Teil der psychiatrischen Einzeleinrichtungen an einem Fleck und verwehrt weiterhin eine „gemeindenahe Versorgung“. Das ganze Dorf Köthenwald ist ein Dorf, welches sich ausschließlich aus psychiatrischen Einrichtungen zusammensetzt. Zwang, Druckmacherei und Gewalt sind derzeit an der Tagesordnung. Es kam in den Wahrendorffschen Kliniken bereits zu Todesfällen (Link). Auch wenn die Psychiatrie-Enquête durchaus zu kritisieren ist, stellt sich hier die Frage: Wenn Geschäftsführer*innen wie ein Dr. Rainer Brase eine Entwicklung gutheißt, die sogar aus psychiatrischer Sicht humanistisch rückschrittlich ist, wie weit dieses Klinikum tatsächlich bereit ist in Zukunft Menschenrechte und die Menschenwürde zu beachten.

 

Ab-/ausgegrenzte Ballungsgebiete, wie sie das Klinikum Wahrendorff produziert sind ebenso in Frage zu stellen wie eine überwachsame Gesellschaft, die jede Abweichung von der Norm den psychiatrischen Kontrollinstanzen zuführt!

Pressemitteilung hier zu finden: "Dr. Silke Lesemann: Grünes Licht für Klinikneubau in Köthenwald" (Link).


Psychiatrie-Enquête: „Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“ von 1975. Es gab eine „Sachverständigenkommission“, die sich in verschiedenen Psychiatrien umgesehen haben und feststellten, dass die damaligen Zustände unhaltbar und menschenunwürdig waren. Der Darauf folgende Bericht mit 430 DIN A4-Seiten brachte eine Reformierung der Psychiatrie ins Rollen. Unter anderem war ein Ziel dieser Reform die Psychiatrien nicht weiter als Verwahrstellen für Leute mit psychiatrischen Diagnosen und Behinderungen* zu nutzen. Stattdessen sollten Menschen, die in Psychiatrien einsaßen ein Wiedereinstieg in die Gesellschaft gewährleistet werden. Das sollte zum einen durchgesetzt werden indem Psychiatrien sich in verschiedene Fachrichtungen aufgliederten (z.B. Psychosomatik, Allgemeinpsychiatrie, Traumastationen, Tageskliniken, ambulante Anlaufstellen etc.) und sie möglichst wohnortsnah und somit zugänglich für Menschen zu machen, ohne dass sie sich aus ihrem Lebensumfeld entfernen müssen.

Warum ist die Psychiatrie-Enquête aus fortschrittlicher Sicht zu kritisieren?

Zwar gibt es momentan auch Stationen und Fachrichtungen in der Psychiatrie, die Personen mit psychiatrischen Diagnosen und Behinderungen* nur kurzzeitig „behandeln“, trotzdem bestehen weiterhin Wohnheime, in denen Menschen mit psychiatrischen Diagnosen und Behinderungen* oft mehrere Jahre/Jahrzehnte verbringen und sie in Abhängigkeiten führen. Desweiteren hat sich durch die Psychiatrie-Reform anhand der vielen psychiatrsichen Anlaufstellen (Sozialpsychiatrischer Dienst, Tageskliniken, ambulante Pflege, ...), die sich herausgebildet haben auch ein größeres Netz psychiatrischer Kontrolle entfaltet. Gleichzeitig wächst die Anzahl an dem, was als „psychisch krank“ gilt zunehmend, sodass für immer mehr Menschen die Gefahr besteht mit diesem psychiatrischen Netz in Berührung zu kommen. Eine einmalige Begegnung mit dem Psychiatrie-System kann verheerende Folgen haben. Viele Menschen müssen lange kämpfen um sich aus der psychiatrischen Kontrolle zu befreien, wenn sie es überhaupt schaffen. Desweiteren gibt es weiterhin Zwangsmaßnahmen, die von eben jenen sehr verbreiteten psychiatrischen Anlaufpunkten sowie jeder anderen Person, die mit diesen Anlaufpunkten und/oder der Polizei in Kontakt tritt, eingeleitet werden können.

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Kommentare: 1
  • #1

    Jürgen (Donnerstag, 13 Juli 2017 16:26)

    Interessanter Beitrag! Die IZB ist eifach toll!