Skandal: AWO-Psychiatriezentrum in Königslutter verbietet Gedenken an die Opfer der NS-Psychiatrie!!!

Die Begründung: Die Positionierung der IZB gegen Unmenschlichkeit in der Psychiatrie und mutmaßliches mit Kreide malen in der Vergangenheit!

 

(Hinweis: Gedenkveranstaltung findet trotzdem statt, nur an anderer Örtlichkeit!!! Siehe Ende des Berichts!)

 

Am 02ten Mai 2017 wollten wir als Initiative Zwangbefreit (IZB) eine Gedenkveranstaltung an die Opfer der „Aktion T4“, die im Nationalsozialismus hunderttausende Opfer forderte, durchführen. Der am besten geeignete Ort für unser geplantes Gedenken war natürlich der „T4“-Gedenkort („Weg der Besinnung“) auf dem Gelände des AWO Psychiatriezentrums in Königslutter (APZ). Da der gewünschte Veranstaltungsort somit auf dem Privatgelände des APZ liegt, hat es einer simplen Bestätigung unseres 02ten Mai-Gedenkens von Seiten des Klinikums bedurft. Doch was auf die Anfrage nach einer solchen Bestätigung von Seiten des APZ's erfolgte, kann jeder antifaschistisch denkende und auf Menschenrechte bauende Mensch nur als grobe Ohrfeige betrachten.

 

Bernhard Tammen - der Justiziar des APZ – untersagte der IZB „ und den von Ihnen aufgerufenen Personen“ das Gedenken an die NS-Opfer am 02ten Mai! Und nochmal, um zu kapieren was Herr Tammen im Namen des APZ da sagt: Ich verbiete am entsprechenden Tag sämtlichen Menschen, den Opfern des Nationalsozialismus am dafür vorgesehenen Gedenkort zu gedenken! Denn alle Menschen, die am 02ten Mai aufgrund unseres Aufrufes den Gedenkort aufsuchen wollen, müssen laut Tammen mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Eine Einteilung der Gedenkenden an diesem Maitag in Gedenkende, die einfach nur so an diesem Tag den Opfern gedenken möchten und denen, die es wegen unseres Aufrufes machen, ist eine Unmöglichkeit. Eine psychiatrische Klinik, die Menschen anzeigen will, die an einem bestimmten Tag am „Weg der Besinnung“ den NS-Opfern gedenken? Da muss sich die Stadt Königslutter doch die Frage gefallen lassen, ob - ja,sagen wir wie es ist – eine solche Gedenkort-Privatisierung nicht hinterfragt gehört. So können wir nur hoffen, das kein Mensch am 02ten Mai auch nur zufällig am Gedenkort gedenken möchte. Es droht Personalienkontrolle durch die Polizei und Strafverfolgung. Das APZ macht was es will. Und mit welcher Begründung verbietet das AWO Psychiatriezentrum das Gedenken? Der angeheuerte APZ-Justiziar umschreibt es folgendermaßen:

„In Ihrer Ankündigung auf Ihrer Homepage erklären Sie, nicht nur den Opfern der „Aktion T4“ zu gedenken, sondern auch auf die angebliche „Unmenschlichkeit in psychiatrischen Kliniken“, die immer wieder Todesopfer fordere, aufmerksam zu machen und in diesem Zusammenhang auch auf das AWO Psychiatriezentrum hinweisen zu wollen.(...)“

 

Herr Tammen, liebe APZ-Verantwortlichen, lassen sie sich eines sagen: Ja, wir von der IZB sind gegen Unmenschlichkeit und natürlich wollten wir nicht nur den Opfern des Nationalsozialismus gedenken, sondern auch auf aktuelle Missstände in der Psychiatrie aufmerksam machen! Wir fordern Menschenrechte, auch in psychiatrischen Kliniken ein! Und ja, wir sehen in Zwangsmaßnahmen wie Medikation gegen den Willen der „Patient*innen“, Fixierungen und Einsperrungen eine Unmenschlichkeit! Und liebes APZ, lieber Herr Tammen, ja, es sterben Menschen aufgrund dieser verfehlten „Behandlungsmethoden“.

 

Folgen wir ihrer Verbots-Begründung, dann müsste allen Menschen, die für Menschenrechte einstehen, auf ihrem Gelände das Gedenken an die „T4“-Opfer untersagt werden. Und nochwas: Sie bezeichneten unsere Positionierung (Für Menschenrechte in der Psychiatrie) als Zitat: „(...)krude(n) Ansichten (...)“ und warfen uns vor: „(…) das Gedenken an die Opfer der Euthanasie für Ihre (unsere) eigenen Zwecke missbrauchen (zu) wollen.“. Und nochmal, ja wir wollten gegen Unmenschlichkeit in der Psychiatrie protestieren und gleichzeitig den Opfern der „Aktion T4“ gedenken und verdammt nochmal, das ist auch unser gutes Recht! Wenn Sie das auf ihrem Gelände nicht gestatten wollen (NS-Opfer-Gedenken und Protest für Menschenrechte), dann scheinen sie jegliche demokratische Substanz verloren zu haben! Die üble Nachrede von wegen wir würden die NS-Opfer lediglich für „unsere Zwecke“ missbrauchen, um heimlich für Menschlichkeit zu protestieren, ist eines der absurdesten Vorwürfe seit langem aus ihrem Hause.

 

Der zweite Grund - nach dem Vorwurf der Menschlichkeit - für das Gedenk-Verbot, ist folgender:

 

„Außerdem haben wir im Zusammenhang mit früheren Aktionen von Ihnen Sachbeschädigungen auf unserem Gelände feststellen müssen.“

 

Hierzu muss gesagt werden, dass es schlimmere Dinge als Sachbeschädigung gibt. Zum Beispiel Menschen mit Fixierungen zu traumatisieren. Bisher sind uns auch keine Erkenntnisse über Sachbeschädigungen im Zusammenhang mit IZB-Aktionen bekannt. Jedoch vermuten wir stark, dass es sich bei denen von Herrn Tammen erwähnten „Sachbeschädigungen“, um gemalte Kreidesprüche auf dem APZ-Gelände handelt. Wer diese Kreidesprüche gemalt hat und ob dies überhaupt eine Sachbeschädigung darstellt ist nach unserem Wissensstand völlig unklar. Kein Gericht hat bisher eine*n Aktivist*in der IZB für diese „Sachbeschädigungen“ (Kreide malen) verurteilt. Wir hoffen, dass das APZ nicht auch künftig noch, neben den NS-Opfer-Gedenkenden, mit Kreide spielende Kinder den Strafbehörden zuführen möchte.

Soviel zur Begründung des APZ-Gedenk-Verbotes.

 

Abschießend wirft das AWO-Psychiatriezentrum noch der gesamten IZB vor: „(…) Mitarbeitern des AWO Psychiatriezentrum(s) völlig ungerechtfertigt rechtswidrige Körperverletzung, Freiheitsberaubung oder gar Folter als gängige Praxis vor(zu)werfen (...)“ Dazu ist eines festzustellen: Zwangsmaßnahmen wie Fixierungen und Zwangsmedikation sind in unseren Augen tatsächlich als Folter und Körperverletzung anzusehen. Und fragen sie mal betroffene Menschen einer Fixierung (die Stunden bis Monate dauern kann) wie diese das sehen würden. Und nicht nur wir sehen in Zwangsmaßnahmen Folter, auch der UN-Sonderberichtserstatter Juan E. Méndez bekräftigt, dass psychiatrische Gewalt als Folter einzustufen ist. Wenn sich da jemensch als falsch beschuldigt sieht, kann diese*r Mitarbeiter*in gerne auf uns zukommen und erklären, warum die Zwangsmaßnahmen die er*sie anwendet bzw. im APZ duldet/mitorganisiert, keine Körperverletzung et cetera darstellen sollte.

 

„Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Personen, die uns auf diese Weise gegenübertreten, nicht auch noch Gelegenheit geben werden, ihre kruden Ansichten auf unserem Betriebsgelände zu verbreiten.“

 

Nein, dieses Verständis können wir nicht aufbringen. Ein solches Verbot für sämtliche Menschen - auch für diejenigen, die nicht in der IZB aktiv sind -, aufgrund einer Positionierung der IZB für Menschenrechte und mutmaßlichen Kreidesprüchen, rechtfertigt ein Verbot des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus keineswegs! Jede*r hat das Recht an die unzähligen Opfer des Faschismus zu gedenken. Auch die, die mit Kreide malen und für Menschlichkeit sind!

 

Deshalb fordern wir vom AWO-Psychiatriezentrum ein Abweichen von ihrem fragwürdigen Kurs, und/oder noch besser, einen Gedenkort in Königslutter, der nicht von einem riesigen Klinikkomplex privatisiert wird, sondern für alle stets zugänglich ist.

 

Wir erinnern an dieser Stelle abermals an die Inschrift der APZ-Gedenktafel:

„Der „Weg der Besinnung“ soll mahnen, dass wir Politiker, Juristen, Ärzte, Pflegepersonal, Nachbarn, Mitmenschen, Gemeinden, Ämter, Kirchen, nie wieder wegschauen und mitwirken. Wir wollen hinschauen, wenn Unrecht geschieht und uns einmischen. Die Gedenkstätte soll uns erinnern an das Leid, aber uns auch wachsam sein lassen für die Zukunft!“

 

Und was nun:

Wir werden natürlich nicht zulassen, dass einigen Menschen das Gedenken an die Opfer der „Aktion T4“ einfach so - mit vorgeschobenen und absurden Begründungen - verwehrt wird. Unsere Gedenkveranstaltung findet statt! Jetzt am Haupteingang des AWO Psychiatriezentrums in Königslutter (Straße: Gänsewinkel/ Dort ist kein APZ-Privatgelände mehr: Ihr braucht also keine Strafen erwarten, wenn ihr kommt!) beim AWO-Eingangsschild. Die Uhrzeit 18 Uhr bleibt gleich und die gemeinsame Anreise um 17 Uhr am Hauptbahnhof in Braunschweig bleibt auch bestehen.

 

Jetzt erst recht! Wir lassen uns das Gedenken an die NS-Opfer nicht verbieten!

Eure Initiative Zwangbefreit - IZB

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Kommentare: 5
  • #1

    Werner-Fuss-Zentrum (Samstag, 29 April 2017 14:54)

    Das AWO-Psychiatriezentrum in Königslutter kann offenkundig nur eine Form des Erinnern zulassen:
    Ein "Erinnern", das das Vergessen gewährleistet.
    Simuliertes Gedenken, Heuchelei.
    WFZ

  • #2

    Heimlich für Menschlichkeit demonstrieren (Mittwoch, 03 Mai 2017 22:16)

    Ich finde den Artikel toll! Das Verbot der Demonstration zeigt sehr schön, wie gerne mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Gräultaten der Vergangenheit, die sind ganz schlimm (sind sie natürlich tatsächlich) und alle, die behaupten sie hätten damals nichts davon gewusst oder hätten nichts ändern können gelten als Lügner und Feiglinge. Und wenn es um die Gräultaten der Gegenwart geht? Dann hat man nichts davon gewusst oder kann nichts ändern. Schon merkwürdig, wie verzerrt die Wahrnehmung manchmal ist. Die Folge der Gräultaten der Nazizeit ist das Grundgesetz, für das sich Deutschland rühmt. Das Grundgesetz, gemäß dem die Ehre des Menschen unantastbar ist. Das Grundgesetz, gemäß dem alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Das Grundgesetz, dass für alle Menschen gilt, nur leider nicht für psychisch Kranke. Denn psychisch Kranke sind wohl scheinbar keine Menschen, zumindest keine vollwertigen. Anders lässt es sich nicht erklären, warum Zwangsmaßnahmen über die Köpfe der entmündigten Patienten durchgeführt werden und so viele Leute das völlig in Ordnung finden. Wie gut, dass es Menschen wie die Leute vom IZB gibt, die das nicht einfach so akzeptieren. Vielen Dank!

  • #3

    Matthias Seibt (Freitag, 05 Mai 2017 08:05)

    Meinen Glückwunsch zu Eurer Aktion. Dadurch ist dem unmenschlichen Psychiatriesystem ein bißchen die Maske der Wohlanständigkeit verrutscht. Weiter so!

  • #4

    Gegen Zwangspsychiatrie-Jürgen (Donnerstag, 11 Mai 2017 10:11)

    Schöner Artikel. Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen !
    Jeder Mensch auf der Erde ist gleich viel wert, auch psychisch Kranke.

    Kranke Welt, wenn Leute etwas anderes behaupten !

    Danke für die Aktionen! Würde gerne mitmachen!

  • #5

    SnowVhite Initiative (Freitag, 04 August 2017 02:38)

    Hey !!
    Bravo - für eure Aktion. Ich bin immer dafür sich für Menschenrechte einzusetzen.
    Leider hat dieser Staat und seine Leute nicht viel für unsere Gruppe der psychisch Erkrankten übrig und verschärft ständig Gesetze zu Zwangsmassnahmen - obwohl Deutschland die Behindertenkonvention ratifiziert hat.
    Ich und meine Freunde sind aktiv als Menschenrechtsaktivisten und nehmen auch kein Blatt vor den Mund !!!
    Weiter so ...
    Ein Überlebender des Zwangssystems Psychiatrie