"Die sind eigentlich alle ganz nett und sie glaubten wirklich, dass sie mir mit dieser Behandlung helfen würden. Sie wissen es einfach nicht besser, leider."

Im Folgenden veröffentlichen wir einen uns zugesandten Text eines Menschen, der*die selbst Erfahrung mit dem Zwangspsychiatriesystem machte und uns netterweise erlaubte seine*ihre Sicht auf dieses System und die eigenen Erlebnisse zu veröffentlichen. Der Text wurde ungekürzt übernommen:

 

"Ich kenne das Thema Zwangsbehandlung in der Psychiatrie aus eigener Erfahrung, als zwangsbehandelter Patient. Ich bin aber deswegen kein Feind der Psychiatrie an sich. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen, die sich für den Beruf als Psychiater, Psychologe oder auch als Pflegekraft im Psychiatrieumfeld oder als eine andere Art von Therapeut entscheiden dies tun, weil sie anderen Menschen helfen wollen. Und jeder hilft so gut wie er kann. Man sollte dabei nur eines bedenken: Es gibt "gut gemacht", es gibt "schlecht gemacht" und es gibt etwas, das ist schlimmer als "schlecht gemacht" und das ist "gut gemeint".

Zunächst kurz zu mir: Ich bin ein sehr gesunder, glücklicher und ausgeglichener Mensch. Ich komme aus einer netten, gebildeten Familie, ich habe einen gesunden Freundeskreis und ich lebe in einer glücklichen Familie mit Kindern. Im Beruf bin ich erfolgreich und habe einige Erfahrungen im Ausland gesammlt. Seit Jahren beschäftige ich mich mit den "großen Themen" wie Religion, Philosophie und Wissenschaft. Und ich habe mir aus diesen vielen Einflüssen ein Weltbild gebaut, das für mich stimmig ist und nicht im Konflikt zur erlebten Realität steht. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschenrechte gelten. Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen gleichwertig sind. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch seinen eigenen Lebensweg geht und dass dieser Weg für Jeden anders aussieht. Wir sind alles nur Menschen, wir sind alle fehlbar und wir sind alle nicht so allwissend, wie wir gerne glauben würden. Toleranz bedeutet in meinen Augen die Andersartigkeit eines Anderen zu sehen und sie akzeptieren zu können.

 

Wenn man einen Menschen beurteilt, sollte man vier Dinge unterscheiden:
1. der Mensch an sich mit seiner Würde, seinen Fähigkeiten und seinem Glauben, kurz: die Identität
2. die Rolle, die er Mensch ausfüllt, sei es im Beruf, in der Gesellschaft und in der Familie
3. die Umstände einer Situation
4. das Verhalten des Menschen

Leider passen diese vier Bereiche eines Menschen recht selten harmonisch zusammen. Die meisten Menschen auf diesem Planten leben in Rollen und Umständen, die nicht gut zu ihrer Identität passen. Und das macht auf Dauer unglücklich und krank und äußert sich in wenig sinnvollem Verhalten.

 

Wenn man die Gesundheits-Definition der WHO zugrunde legt, dann ist "Gesundheit ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechenes". Demnach gibt es nur sehr wenig wirklich dauerhaft vollständig gesunde Menschen. Den Umkehrschluss zu machen, dass Jeder, der nicht gesund ist, automatisch krank sei, ist also wenig sinnvoll. Denn wenn alle als krank gelten, dann wäre das kein brauchbares Unterscheidungskriterium mehr.

Und genau das ist meiner Meinung nach das ganz große Problem in der Psychiatrie-Debatte. Jeder Mensch trägt das eine oder andere psychische Problem mit sich herum. Das ist ganz normal. Solange man trotzdem ein Leben lebt, mit dem man leben kann, ist das auch kein Problem. Auch diese kleineren Problem ließen sich mit modernen psychotherapeutischen Methoden behandeln und man könnte glücklicher und leichter leben. Aber die wenigsten Menschen kommen auf die Idee, sich Hilfe zu suchen, wenn es nicht umbedingt sein muss. Daher kommen viele Menschen erst dann in Kontakt mit "Psycho-Personal" (Psychiater, Psychologen, Heilpraktiker für Psychotherapie, Seelsorger, Sozialarbeiter, etc.) wenn das Problem schon ziemlich schwerwiegende Folgen produziert hat. Und dann hat man nicht mehr mit einem kleinen Problem zu tun sondern mit einem bunten Strauß an Problemen und Verstrickungen. Jedes einzelne Element wäre behandelbar und lösbar. Die Summe wirkt aber erschreckend und scheint drastische und sofortige Maßnahmen zu erfordern.

 

Bei mir war es so, dass ich mich vor einiger Zeit in einer Situation befand, in der die alten Rollen und Umstände nicht mehr richtig zu mir passten. Bisher war alles in Ordnung gewesen, aber ein paar Rädchen hatten sich verstellt und jetzt lief mein Leben irgendwie unrund. Also habe ich versucht wieder eine Ordnung herzustellen. Und dabei kamen mir so viele Ideen und Lösungengsansätze, die ich alle umbedingt sofort umsetzten wollte, dass mein Hirn "heißgelaufen" ist. Ich habe mir nicht mehr die nötigen Pausen gegönnt und wurde immer hektischer. Da ich sonst sehr ruhig und besonnen bin, hat das die Menschen in meinem Umfeld beunruhigt und sie haben sich Sorgen gemacht. Verständlich. Blöderweise haben sie nicht verstanden was da gerade bei mir los ist. Ich hatte das Gefühl möglichst schnell Nägel mit Köpfen machen zu müssen bevor der Strom der Ideen versiegt und ich wieder mit den alten Problemen darstehe. Die Menschen in meinem Umfeld hatten aber Angst wenn sie gesehen haben, dass ich Nägel mit Köpfen machen will und haben versucht mich davon abzuhalten. Dadurch stieg bei mir der Druck und ich habe noch mehr und noch schneller gearbeitet um die verlorene Zeit wieder rein zu holen. Klassische Manie also.

Wenn mir Jemand glaubhaft erklärt hätte, dass mir all die Themen nicht weg laufen und dass ich einfach nur die Ideen aufschreiben soll, um sie dann später in Ruhe umzusetzen, wenn die Dringlichkeit weg ist, dann wäre mir das eine sehr große Hilfe gewesen. Ich habe darunter gelitten, dass mein Umfeld mich nicht mehr verstand und ich keinen Rückhalte mehr hatte. Und der fehlende Schlaf hat mich gestresst und ich wäre gerne wieder zur Ruhe gekommen. Ich hätte gerne sinnvolle Hilfe angenommen.

 

Aber diese bekam ich leider nicht. Was ich bekam als ich mit meinen Verwandten die Klinik aufsuchte war ein Stempel: "Psychisch krank". Alle zeigten im übertragenen Sinne mit dem Finger auf mich und sagten: "Da sitzt das Problem, da im Kopf, macht das weg, wir haben damit nichts zu tun." Ich war also innerhalb von Sekunden von einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft und einem Mensch, dem man auf Augenhöhe begegnet, zu einer Unperson geworden. Sobald das Urteil "Psychisch krank" fällt, entsteht eine krasse Hirarchie. Da unten, da sitzt der Kranke, diese bedauernswerte aber potentiell gefährliche Kreatur, die von nun an mit der unermesslichen Weisheit der Profis geheilt werden wird. Und wenn diese Kreatur diese Hilfe nicht zu schätzen weiß, dann hat sie Strafe verdient und wenn sie dann immer noch nicht spurt, dann soll sie doch zugrunde gehen in ihrem eigenen Dreck, denn aus eigener Kraft kann sie es niemals schaffen.

Das ist natürlich ziemlicher Quatsch. Kein Mensch kann einen anderen heilen. Das funktioniert genauso wenig, wie man für einen anderen Menschen laufen kann. Man kann Hilfe anbieten, ja. Man kann mit Wissen unterstützen, ja. Man kann eine Übungsumgebung anbieten und trainieren, ja. Man kann schauen welche Felsbrocken liegen dem Betroffenen im Weg und man kann helfen diese beiseite zu räumen, ja. Aber laufen, bzw. heilen, das muss der Betroffene selbst. Jeder der sich hinstellt und sagt: "Ich weiß wie ich dir helfen kann, denn ich weiß was dir fehlt und du weißt es nicht.", der macht sich absolut unglaubwürdig. In dem Buch "Machen wir uns nichts vor!" erklärt der Psychologe Nicolas Epley sehr anschaulich die Mechanismen die beim "Gedankenlesen" zur Anwendung kommen. Und er zeigt auf wo die Grenzen dieser Fähigkeit liegen. Fakt ist: Niemand kann einem anderen Menschen in den Kopf schauen. Das war für mich nichts wirklich neues aber für viele Psychiater scheint diese Tatsäche völlig unbekannt zu sein.

 

Daher fand ich es äußerst verwunderlich und irritierend, als die Psychiater in der Aufnahme nach einem kurzen zweistündigen Gespräch in dem ich gefühlt kaum zu Wort kam das Urteil: "Manie" fällten. Und noch viel irritierender fand ich, dass allein daraus geschlossen wurde, ich müsse zur Behandlung da bleiben. Was eine Manie eigentlich sein soll, das wurde mir nicht erklärt. Denn es griff ein weit verbreitetes Vorurteil über Maniker (und vielleicht auch über andere psychisch Erkrankte), das besagt, der Betroffene sei zu einer freien Willensbildung nicht fähig. Diese Aussage stützt sich wohl darauf, dass die Psychiater nicht alles verstehen was der Maniker sagt und daraus schließen, es müsse falsch und wirr sein. Das finde ich ein sehr arrogantes Vorgehen, was aber wohl leider recht weiter verbreitet ist.

Ich kenne meine Rechte, dachte ich zumindest. Immerhin habe ich das Grundgesetz gründlich gelesen und mir war klar, dass die mir nichts anhaben können. Denn ich hatte kein Verbrechen begangen, ich war nicht aggressiv, ich war nicht nicht mal unhöflich gewesen. Und ich bin ein freier Mensch. Zumindest war ich das. Aber dann kamen die Pflegekräfte und fesselten mich ans Bett. Einfach so, weil die Psychiater über meinen Kopf hinweg beschlossen hatten ich würde Hilfe brauchen. Das wurde dann auch gerichtlich durchgedrückt. Die Urteilsbegründung hätte eigentlich einen Preis als satirisches Glanzstück verdient, wenn es nicht tatsächlich rechtsgültig geworden wäre. Ich wurde eingesperrt um mich von meinem "Wahn die Welt retten zu wollen" zu heilen, der sich ansonst chronifizieren könnte. Mein "Wahn die Welt retten zu wollen" ist nichts anderes als die vielgepriesenen christlichen Werte in Kombination mit dem optimistischen Glauben, dass eine Veränderung zum Guten immer möglich ist.

 

Und das sollte mir dann ausgetrieben werden. Mit Medikamenten. Diese wollte ich nicht nehmen, denn mit mir war alles in Ordnung. Fand ich. Fanden die nicht. Also wurde ich vor die Wahl gestellt, entweder die Neuroleptika in hoher Dosierung zu nehmen oder möglicherweise meine Kinder nicht mehr wieder zu sehen. Nachdem mir kurz zu vor ja bereits mehrere Grundrechte willkürlich entzogen worden und das Grundgesetz in Deutschland wohl leider doch keine Gültigkeit hat, hatte ich keinen Grund mehr an der Ernsthaftigkeit dieser Drohung zu zweifeln. Also habe ich die Tabletten genommen. Geändert hat sich dadurch nichts groß, ausser dass ich abends sehr früh müde war. Die Ärzte prognostizierten, dass nach zwei Wochen die magische Wirkung der Tabletten einsetzen würde. Vor Ablauf dieser magischen zwei Wochen wurde alles was ich sagte abgetan, von wegen ich könne überhaupt nichts beurteilen denn ich sei ja zu einer freien Willensbildung nicht fähig. Und dann, Wunder über Wunder, nach zwei Wochen hatte ich auf einmal wieder einen freien Willen, den Medikamenten sei dank. Inhaltlich haben sich meine Aussagen den ganzen Aufenthalt hinweg nicht geändert, aber für die Wahrnehmung der Ärzte ist es wirklich sehr wichtig, dass die Patienten die Medikamente nehmen. Vielleicht sehe ich das etwas zu kritisch, aber steckt da nicht irgendwie ein Fehler im System?

Ich habe bei Gericht Widerspruch eingelegt, gegen die Betreuung und gegen die Unterbringung. Wenige Tage vor Ablauf der angeordneten Aufenthaltsdauer wurde meinem Einspruch stattgegeben. Ich habe dann auch auf Anfrage die Bestätigung bekommen, dass meine Einweisung nicht zulässig war und die Voraussetzungen (nämlich akute Eigen- und Fremdgefährdung) zu keinem Zeitpunkt gegeben war. Ich hätte sogar die Möglichkeit gehabt diese Freiheitsberaubung strafrechtlich verfolgen zu lassen. Aber wozu? Ich habe ein paar mal mit den behandelnden Psychiatern gesprochen. Die sind eigentlich alle ganz nett und sie glaubten wirklich, dass sie mir mit dieser Behandlung helfen würden. Sie wissen es einfach nicht besser, leider.

 

Früher, also bevor mir das Ganze passiert ist, da habe ich auch geglaubt es gäbe so etwas wie "psychische Krankheiten", die so ähnlich sind wie organische Krankheiten. Da gibt es eine Art Erreger, den kann man bekämpfen und dann wird man wieder gesund. Super. Genau so werden viele "psychische Krankheiten" auch behandelt. Man unterstellt das Problem sei zum Beispiel ein Ungleichgewicht im Dopamin-Haushalt, also gibt man ein Medikament, dass in den Dopamin-Haushalt eingreift, fertig. Aber so einfach ist es leider nicht. Grundsätzlich finde ich es sehr gut, dass es diese ganzen Medikamente gibt. Wenn sich das Hirn in irgendeine Richtung "heiß läuft" oder die Emotionen überkochen, dann ist es gut, wenn man da Kühlung in Form von Medikamenten rein bringt. Aber um dafür zu sorgen, dass es dem Betroffenen dauerhaft besser geht, muss man die vier Komponenten (Idenität, Rollen, Umstände, Verhalten) in ein stabiles Gleichgewicht bringen. Das können Medikamente allein nicht leisten.

Ich habe nach meiner Entlassung jede Hilfe angenommen, die ich bekommen konnte um mein Gleichgewicht wieder zu finden. Aber es war wirklich schwer, denn meine Rolle hatte sich massiv verändert. Zuvor war ich den Menschen in meinem Umfeld auf Augenhöhe begegnet. Jetzt befand ich mich auf Höhe ihrer Kniekehlen, zumindest in ihren Augen. Es hat mich sehr viel Kraft gekostet meine innere Stärke wieder zu finden, mich aufzurichten, ihnen in die Augen zu sehen und klar zu machen, dass ich ihnen ebenbürtig bin. Ich bin nicht der hilflose Wurm, zu dem ich in der Klinik gemacht wurde. Ich sehe jetzt viele Dinge anders als früher. Ich habe einen Großteil meiner eigenen Vorurteile abgelegt. Ich interessiere mich nicht mehr für die Äußerlichkeiten, für mich zählt, wie ein Mensch wirklich ist.

 

Ich bin seit dem mit vielen tollen Menschen in Kontakt gekommen. Viele Menschen um die ich früher einen großen Bogen gemacht hätte. Im Bus bin ich zufällig ins Gespräch mit einem Mann gekommen, der seit Jahrzehnten von Stimmen heimgesucht wird. Wir sind spazieren gegangen und er hat erzählt, dass er gelernt hat seine guten von seinen bösen Stimmen zu unterscheiden, indem er sie zwingt das "Vater unser" zu sprechen. Nur die guten Stimmen sind dazu in der Lage, den bösen bleibt das Wort im Halse stecken und sie verstummen. Das finde ich absolut genial. Darauf ist er selbst gekommen weil ihm in all den Jahren Therapie Niemand geholfen hat mit seinen Stimmen zu leben. Aber sie sind nun mal ein Teil von ihm und wenn er auf die guten hört, dann geht es aufwärts.

 

Einer der Menschen mit dem ich momentan sehr gerne meine Zeit verbringe ist wunderbarer, interessanter und vielseitig interessierter Mann Mitte 30, mit dem ich in der Fußgängerzone ins Gespräch gekommen bin, als er mich nach Kleingeld gefragt hat. Offiziell ist er nur einer von vielen Obdachlosen, der abhängig ist von Alkohol und diversen Drogen. Ein hoffnungsloser Fall also. Aber das sehe ich nicht so. Dieser Mann ist seit 15 Jahren immer wieder auf der Straße und er hat schon so unglaublich viele schwierige Situationen überlebt, dass es an ein Wunder grenzt. Er ist stark, viel stärker als die Meisten. Er könnte wirklich Hilfe brauchen um den Weg in ein schöneres, einfacheres Leben zu finden. Aber es müsste Hilfe auf Augenhöhe sein, und die ist leider in Deutschland sehr schwer zu finden.

Dabei könnte es doch eigentlich alles so einfach sein..."

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