Ausbeutung im Klinikum Wahrendorff: arbeiten für 30 bis 60 Cent die Stunde!

Soeben fanden wir auf linksunten.indymedia.org folgenden Artikel...

 

zu Besuch in einem geschlossenen Wohnheim im Psychiatrie-Dorf Köthenwald (nahe Hannover)

 

Am 20. Dezember 2016 waren wir zu Besuch in dem Psychiatrie-Dorf Köthenwald nahe bei Sehnde. Vor Ort haben wir mit dort wohnenden*einsitzenden Menschen gesprochen und einen Einblick in den Alltag einer geschlossenen Wohnheimstation erhalten.

 

 

 

Zum Klinikum allgemein

 

Köthenwald ist ein Standort von vielen des Klinikum Wahrendorff. In einer „Dokumentation“, (richtiger wäre eher die Bezeichnung „Werbefilm“) vom ZDF heißt es: „vor den Toren Hannovers liegt Europas größte private Nervenheilanstalt“1.

Das Klinikum Wahrendorff ist also laut ZDF das größte private psychiatrische Klinikum Europas2 und laut eigener Internetpräsenz "eine der größten psychiatrischen Einrichtungen Deutschland in privater Trägerschaft"3

Köthenwald ist ein riesiger Psychiatrie-Komplex. Vor Ort gibt es mehrere (geschlossene) Wohnheime, eine akutpsychiatrische Klinik, Arbeitswerkstätten (Fahrradwerkstatt und Tischlerei) eine Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine psychiatrische Institutsambulanz (PIA)4 und einen Kiosk (möglicherweise sind nicht alle Einrichtungen genannt).

Behandelt“ werden laut Selbstauskunft in den Heimbereichen erwachsene[n] Menschen mit einem seelischen und/oder geistigen Handicap.“5

Das Einzugsgebiet ist weit gefächert. Vor Ort treffen wir Menschen, die vorher z.B. in Cloppenburg, Wilhelmshaven oder Hamburg gewohnt haben.

 

 

Räumlichkeiten und Atmosphäre

 

Als wir über das Gelände gehen, reden wir mit Menschen, verteilen Flyer an dort Anwesende und legen auch welche im Kiosk aus. Bei diesem Rundgang kommen wir mit einer interessierten Person ins Gespräch und werden kurzerhand auf Station eingeladen.

Vor der Stationstür angekommen klingeln wir, damit uns die*der einzige auf der Station vorhandene Mitarbeiter*in die Glastür aufschließt. Die Wände von Flur, Raucher*innenraum und Küche sind quietschgrün angestrichen. Der Bodenbelag ist grün und die Decke minzgrün, sodass alle Menschen, die sich in diesen Räumlichkeiten aufhalten ebenfalls aufgrund der Farb-/Lichtreflexion grünlich erscheinen. Einzig die Zimmer (Ein- und Zweibettzimmer) sind nicht in dieser Farbkonstellation gehalten. Auch aufgrund dieser Farbgebung und der tatsächlichen Größe der Räumlichkeiten wirkt die Station auf uns einengend.

Einen Gemeinschaftsraum außerhalb des Raucher*innenraumes gibt es nicht. Sobald man sich also wünscht mit anderen auf der Station Zeit zu verbringen oder Besuch zu empfangen ist man gezwungen, sich entweder im Raucher*innenraum aufzuhalten oder Personen in die eigene Privatsphäre, also das eigene Zimmer einzuladen. In Anbetracht, dass es auch Zweibettzimmer gibt, in denen die andere Person höchstwahrscheinlich nicht immer das gleiche Bedürfnis nach Gesellschaft hat, kann das schwierig sein. Privatsphäre ist nur möglich, wenn man das „Glück“ hat, in einem Einzelzimmer untergebracht* zu sein.

Der Raucher*innenraum, quietschgrün mit unbequemen, einzelnen Holzstühlen als Sitzgelegenheiten ausgestattet, liegt im dichten Rauch. Das auf Kipp gestellte Fenster, sowie die dort installierte Rauchentlüftungsanlage scheinen nicht viel zu bewirken. Nach einer halben Stunde Aufenthalt dort spürt ein*e Besucher*in von uns bereits körperliches Unwohlsein: Kopfschmerzen und leichte Übelkeit. Auch bedingt durch die Lautstärke des Entlüftungsgeräts ergibt sich keine entspannte Gesprächsatmosphäre. Beim Unterhalten sind wir stets darum bemüht, das Gerät mit unseren Stimmen zu übertönen und es von dem Gesagten der jeweils redenden Person zu filtern. Das gelingt nicht immer.

 

 

 

Therapie

 

Die Person, bei der wir uns zu Gast aufhalten, erzählt uns vom Alltag der Menschen vor Ort und benennt klar die ausbeuterischen, unterdrückerischen Strukturen in Köthenwald, die die Menschen in Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, soziale und gesellschaftliche Missstände führen.

In dem Video vom ZDF heißt es, Ziel sei es den Menschen eine Tagesstruktur näher zu bringen. Das soll unter anderem durch Termine wie Ergo- und Arbeitstherapie verwirklicht werden.6 Der Tag ist in Wirklichkeit oft von großer, lang anhaltender Langeweile geprägt. Die hoch angepriesenen Therapieangebote machen in Wirklichkeit nur einen kleinen Teil der Wochenbeschäftigung (außer, wenn man an der sogenannten „Arbeitstherapie“ teilnimmt) aus. Viele Menschen, so unser*e Interviewpartner*in, würden mit dem Aufenthalt vor Ort zunehmend Kaffee- und Nikotin- süchtig. Viele rauchten Kette und verzehrten große Mengen Kaffee. Vor allem Leute, die das Psychopharmakon (Neuroleptikum) Fluanxol bekommen, seien davon verstärkt betroffen. Der Tag reduziere sich oft auf grundlegende Dinge.

 

 

 

Arbeit, Arbeit... Ausbeutung! (Triple AAA7)

 

Die sogenannte „Arbeitstherapie“, wäre richtiger mit dem Titel „Ausbeutungstherapie“ versehen. Die Menschen, die in der Tischlerei, der Fahrradwerkstatt oder im Kiosk arbeiten, bekommen einen Stundenlohn von 30 bis 60 Cent (gestaffelt nach Leistung)!8

Die Arbeitszeiten sind ähnlich wie außerhalb: werkstäglich von 8-16 Uhr mit einer Stunde Pause und 5 Tage in der Woche.

Auch wenn man sich bereits außerhalb des Klinikums befindet (und keinen sogenannten „Heimvertrag“ hat), besteht die Möglichkeit in den Werkstätten in Köthenwald zu arbeiten. Das muss allerdings mit der*dem Betreuer*in abgesprochen werden. Je nach Vermögenslage sind um an dieser beschönigend genannten „Wiedereingliederungsmaßnahme“ teilzunehmen an das Klinikum Wahrendorff Geldbeträge zu bezahlen. Nochmal zur Klarstellung und Beseitigung jeglicher Missverständnisse: Im Klinikum Wahrendorff ist es also möglich für die eigene Arbeit zu bezahlen! Obwohl – oder gerade weil...? – Entscheidungsträger*innen des Klinikums meinen zu wissen, wie Leistungsgesellschaft funktioniert (sie bieten ja schließlich eine „Wiedereingliederungsmaßnahme“ in den Arbeitsmarkt – als Anpassung an diese – an) wird in Köthenwald ein umgekehrtes Prinzip angewandt.

 

 

 

Infrastruktur: Einkaufen

 

Der Kiosk auf dem Klinikgelände ist die einzige nahe gelegene Einkaufsmöglichkeit für die dort wohnenden Menschen. Der nächstgelegene Einkaufsmarkt befindet sich ca. 4 Kilometer entfernt in Sehnde und ist nur mit dem Bus oder unter langen Fußmärschen zu erreichen – und Busfahren kostet ebenfalls Geld. Das heißt, Menschen mit einem Stundenlohn von 30 bis maximal 60 Cent sind dazu genötigt im teuren Kiosk einzukaufen oder ein Busfahrticket zu bezahlen (wenn die „Ausgang“sregelung es erlaubt)! Die chronische Geldknappheit vieler Menschen vor Ort führt zu Abhängigkeitsverhältnissen untereinander. Das kann belastend für einzelne Personen und Beziehungen sein.

 

 

 

Zwang

 

Der „Ausgang“ (d.h. Verlassen der Station) ist an Bedingungen geknüpft. So wird Menschen, die sich weigern (bestimmte) Medikamente zu nehmen (z.B. weil sie nicht helfen) der „Ausgang“ verweigert oder mit „Ausgangs“verbot gedroht.

Zwang wird ebenfalls z.B. durch Fixierungen (=Fesselungen) an Betten durchgeführt. Auf den Wohnheimstationen kommt es unter anderem zu dieser entwürdigenden Praxis. An die Betten der dort lebenden Menschen können jederzeit Fixiergurte angebracht werden.

Desweiteren gibt es auf einer der geschlossenen Wohnheimstationen einen sogenannten „Deeskalationsraum“. In der Klinik-internen Zeitung „Is ja Ilten“ heißt es dazu: „Es ist schön, in Ruhe weinen zu können oder zu schreien, ohne zu stören.“ In dieser Zeitung wird dieser mit kalten Stoffen und Polstern ausgestattete von außen abschließbare Raum als Hilfestellung dargestellt und soll eine bessere Alternative zur gewaltvollen Fixierung sein. Dass aber laut Selbstauskunft „von den 506 Aufenthalten [nur] 411 auf eigenen Wunsch“9 waren, macht deutlich, dass auch hier Zwang angewendet wird. Wenn man sich wehrt, wird mit Gewalt gearbeitet. Personen, die sich (eingesperrt) in diesem Raum befinden, sind von anderen Menschen komplett isoliert und auf die Einwirkung des Personals von außen angewiesen.

Bei der „Behandlung“ wird vor allem auf Medikamente gesetzt. Gespräche ausgehend vom Personal stehen im Hintergrund und finden, wenn überhaupt, selten statt, denn Mitarbeiter*innen werden dazu angehalten keine Beziehungen zu den „Patient*innen_Bewohner*innen“ aufzubauen. Bei Redebedarf sind die Personen vor Ort auf gegenseitige Hilfe angewiesen.

Die Frage, ob die „Therapie“ bei unsere*r*m Interviewpartner*in zu einer Besserung des Wohlbefindens geführt habe, verneint diese*r. Es geht ihr*ihm nicht besser. Statt Therapie und Verständnis, fühle sie*er sich gelangweilt und einsam. Die Probleme seien mindestens im gleichen Maße vorhanden wie vorher. Die Gründe, aus denen sie*er vor Ort ist, haben sich nicht aufgelöst. Statt ein Leben in Freiheit führen zu können, werden ihr*ihm immer weitere Beschlüsse für jeweils ein halbes Jahr auferlegt und das geht schon seit mehreren Jahren so. Ein Rauskommen scheint unmöglich. Unser*e Interviewpartner*in ist sich sicher, dass bei Ablaufen des momentanen Beschlusses sofort ein weiterer folgen wird. Die Situation sei hoffnungslos.

Wir verabschieden uns und lassen aufschließen.

 

 

 

(Historische) Verdrängung und Beschönigung

 

Bevor wir das Gelände verlassen gehen wir noch einmal in den Kiosk. Die zuvor dort ausgelegten Flyer (nicht wenige) sind weg. Viel zu schnell. Wir vermuten, dass jemand sie gezielt entfernt hat.

Zensur ist auch sonst kein unberührtes Gebiet für die Wahrendorffschen Kliniken. In der „Unternehmenshistorie“ auf der Internetseite wird zwar vermerkt, dass bis Anfang/Mitte der 90er Jahre unhaltbare Zustände geherrscht haben10, jedoch wird hier die Zeit des NS-Regimes mit keinem Wort erwähnt. Dabei ist auch das Klinikum Wahrendorff mit der „Aktion T4“11 in Berührung gekommen12. Bei einer sonst so textreichen Internetpräsenz ist das Weglassen dieser Tatsache erschreckend.

Weiter fällt auf, dass der Gründer der Kliniken, Ferdinand Wahrendorff, in einem ausschließlich positivem Licht dargestellt wird. So werden die Arbeits-Maßnahmen, als „Einbinden in die Dorfgemeinschaft“13 beschrieben. Unklar ist jedoch -nach bisherigen Recherchen- inwiefern diese Arbeiten auf den Feldern und Bauernhöfen freiwillig waren. Die Zeit zu der diese Psychiatrie aufgebaut wurde (1862) lässt schlussfolgern, dass die Darstellung etwas überhöht sein könnte. Denn in einem anderen Text über die Arbeitssituation in der psychiatrischen Einrichtung zur Gründungs-Zeit wird geschildert: "Die Überschüsse, die zudem durch den kostengünstigen Einsatz der Patienten erwirtschaftet werden konnten, stärkten die Eigenkapitaldecke des Unternehmens im erheblichen Maße." Auch hier klingt eine Ausbeutung der damaligen Arbeiter*innen an, die damals wie heute für die Entwicklung und den Ausbau der Kliniken elementar und innewohnend zu sein scheint.

 

Sowieso ist die grausame Geschichte dieses Klinikums eine der „Erfolge“ von Seiten der Entscheidungsträger*innen. In der Selbstdarstellung dieser Zwangsanstalt werden Mitarbeiter*innen immer als qualifiziert und handelnd dargestellt, während „Patient*innen“ innerhalb der Klinikmedien stets die passiven Elemente ausmachen. „Patient*innen“ kommen vor allem als Legitimationsinstrument (in „Is ja Ilten“ oder bei RTL) zu Wort, nämlich wenn es z.B. darum geht den „Deeskalationsraum“ zu rechtfertigen.

Kritische Stimmen, die in „Is ja Ilten“ Gehör finden wollten, wurden in der Vergangenheit bereits unterdrückt.

 

 

 

Fußnoten: ________________________________ _ _  _  _   _   _   _    _    _

 

1Das Wort „Nervenheilanstalt“ wird eigentlich nicht mehr verwendet. Anhand der Benutzung des Wortes in diesem ZDF-Bericht wird offensichtlich wie investigativ dafür recherchiert wurde... nämlich gar nicht.

 

2Klinikum Wahrendorff Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=NX0Jxmxf8t4

 

4PIA = „Behandlungsangebot“ auf dem Klinik-Gelände. So heißt es auf der Internetseite des Klinikum Wahrendorff: „PIA übernimmt [...] die ambulante fachärztliche, therapeutische, sozialarbeiterische, ergotherapeutische und pflegerische (z.B. Depot-Spritze, Blutabnahme) Versorgung von Patienten zwischen der Entlassung aus einem psychiatrischen Krankenhaus und der Weiterbehandlung bei einem Facharzt oder Psychotherapeuten. PIA ist sozusagen die psychiatrische und soziale Übergangsstufe zwischen zwei Therapieformen.“ (http://www.wahrendorff.de/unser-unternehmen/info-service/allgemeine-ablaeufe/haeufige-fragen-faq/)

 

5http://www.wahrendorff.de/unsere-einrichtungen/wohnen-betreuen/

 

6Fraglich ist, ob Menschen, die möglicherweise gerade unter dem Tagesrhythmus der derzeitigen Leistungsgesellschaft leiden, viel durch die Anpassung an diesen gewinnen. Vielleicht ist es ja gerade hilfreich einen anderen Rhythmus zu leben, als den in der Leistungsgesellschaft vorgegebenen. Menschen sind sehr individuell. Eine Tagesstruktur also als Allgemeinlösung für alle (Alltags-)Probleme zu verwenden ist in Anbetracht dessen zu kurz gegriffen.

 

7Laut Internetseite des Klinikums steht „'Triple A' [...] für 'Aufnahme, Aufenthalt, Auszug'“. Wir finden allerdings, dass das Prinzip der Heimbereiche viel passender mit Triple A als „Arbeit, Arbeit, Ausbeutung“ umschrieben werden kann.

 

8Nach Auskunft einer* Fachangestellten* des Klinikums

 

9Diese Zahl stammt ebenfalls aus der Wahrendorff-Zeitung „Is ja Ilten“. In dem Artikel wird leider nicht deutlich, in welchem Zeitraum diese Zahlen entstanden sind. Hier der vollständige Beitrag: http://www.wahrendorff.de/fileadmin/media/pdf/isjailten/ilten%2013_01_WEB.pdf

 

10Merkwürdigerweise ist das genau der Zeitpunkt an dem Herr Wilkening, der aktuelle Geschäftsführer, die Klinik übernommen hat. Als wären mit dem Antritt seiner Chefposition alle bisherigen Probleme auf ein mal verschwunden... Nicht sehr glaubwürdig!

 

11„Aktion T4“ auch „Euthanasie“-Verbrechen = die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen* und psychiatrischen Diagnosen im Nationalsozialismus 1933 bis 1945. Weitere Informationen zur „Aktion T4“ finden sich z.B. hier: http://gedenkort-t4.eu/de

 

 

13http://www.wahrendorff.de/unser-unternehmen/ueber-uns/unternehmenshistorie/

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